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Sermeq Kujalleq: Der Jakobshavn-Gletscher in der Tiefe

An der Westküste Grönlands, etwa 250 Kilometer nördlich des Polarkreises, mündet ein Gletscher in einen Fjord, der zu den bekanntesten Naturschauspielen der Arktis zählt. Der Sermeq Kujalleq — in der internationalen Wissenschaft als Jakobshavn-Gletscher oder Jakobshavn Isbrae bekannt, letzteres das dänische Wort für Gletscherfluss — ist der schnellste Gletscher Grönlands und der produktivste Eisberggenerator des Nordatlantiks.

Jedes Jahr kalbt der Sermeq Kujalleq Eis von gewaltigen Ausmaßen in den Ilulissat-Eisfjord. Die Eisberge, die er produziert, sind so massiv und so zahlreich, dass der Fjord stellenweise vollständig mit Eis gefüllt ist — ein Spektakel, das 2004 zur Aufnahme des Ilulissat-Eisfjords in die UNESCO-Welterbeliste geführt hat.

Geographie und Einzugsgebiet

Der Sermeq Kujalleq entwässert ein Einzugsgebiet von rund 6,5 Prozent der gesamten Fläche des Grönländischen Eisschilds. Das ist ein enormer Bereich: Wasser, das als Schnee über weite Teile der westgrönländischen Hochfläche fällt, findet seinen Weg letztlich in diesen Gletscher und durch ihn ins Meer.

Der Gletscher selbst hat eine Länge von rund 65 Kilometern vom zentralen Eisschild bis zur Kalbelinie — dem Punkt, an dem das Eis zu schwimmen beginnt. Die Eisdicke am Gletschertor, wo er in den Fjord eintritt, beträgt mehr als 1.000 Meter. Unterhalb der Wasseroberfläche reicht das Eis auf mehr als 900 Meter Tiefe — ein massives Unterwassereisvolumen, das vom wärmeren Atlantikwasser angegriffen wird.

Geschwindigkeit und Massenverlust

Die Fließgeschwindigkeit des Sermeq Kujalleq gehört zu den höchsten, die an einem Gletscher weltweit gemessen wurden. In den 1990er Jahren lag sie bei etwa 20 bis 25 Metern pro Tag. Um das Jahr 2003 beschleunigte sich der Gletscher abrupt auf bis zu 40 bis 50 Meter pro Tag — eine Verdoppelung in wenigen Jahren. Seitdem ist die Geschwindigkeit variabel, aber insgesamt auf einem hohen Niveau geblieben.

Diese Beschleunigung korreliert zeitlich mit einer Vertiefung der Kalbelinie — also einem Rückzug des Punktes, an dem das Eis zu schwimmen beginnt — und mit dem Eindringen wärmerer Wassermassen atlantischen Ursprungs in den Ilulissat-Fjord. Oceanisches Schmelzen an der Unterwasserfront des Gletschers destabilisiert die Eiszunge und erhöht die Kalbrate.

Der jährliche Massenverlust durch Kalben wird auf rund 40 bis 46 Kubikkilometer Eis pro Jahr geschätzt. Umgerechnet in Süßwasser und Meerespiegelanstieg liefert der Sermeq Kujalleq allein einen signifikanten Anteil zum globalen Meeresspiegelanstieg.

Geschichte der Erforschung

Der Ilulissat-Eisfjord war bereits im 19. Jahrhundert für dänische und europäische Forscher ein bekanntes Ziel. Die Eisberge, die der Gletscher produziert, treiben in den Nordatlantik und wurden von Seeleuten schon früh als Gefahr dokumentiert. Es ist sehr wahrscheinlich, dass einer der großen Eisberge, die im Frühjahr 1912 den Nordatlantik durchquerten und von denen einer die Titanic zum Sinken brachte, vom Sermeq Kujalleq stammte. Die Route des fatalen Eisbergs und die bekannten Trajektorien grönländischer Eisberge stimmen gut überein.

Systematische glaziologische Messungen begannen im 20. Jahrhundert. Die Kombination aus bodengestützten Messungen, Flugzeugradardaten und Satellitenfernerkundung hat seit den 1990er Jahren eine hochpräzise Dokumentation der Veränderungen ermöglicht.

Ilulissat: Das Tor zum Gletscher

Die Stadt Ilulissat — früher unter dem dänischen Namen Jakobshavn bekannt — liegt am Eingang des Eisfjords und ist die drittgrößte Stadt Grönlands mit rund 5.000 Einwohnern. Sie ist das Geburtsort des Polarforschers Knud Rasmussen und heute ein bedeutendes Tourismuszentrum.

Der Rundweg am Fjordrand, der UNESCO-Welterbe-Wanderweg, führt durch arktische Tundra über dem Eisfjord und bietet Ausblicke auf die eingepressten Eisberge. Im Sommer, wenn die Mitternachtssonne scheint, ist dieses Panorama besonders eindrücklich. Bootstouren in den Fjord, die zwischen den Eisbergen manövrieren, gehören zu den beliebtesten Aktivitäten.

Klimaindikator erster Ordnung

Der Sermeq Kujalleq ist eines der am besten überwachten glaziologischen Systeme der Welt, und seine Veränderungen werden von Wissenschaftlern als direkter Indikator für die Reaktion des Grönländischen Eisschilds auf den Ozean- und Klimawandel gewertet. Die Beschleunigung, die er in den 2000er Jahren zeigte, war ein Frühwarnsignal, das die glaziologische Gemeinschaft alarmierte.

Beobachtungen der 2020er Jahre zeigen ein komplexeres Bild: Der Gletscher hat sich in einigen Jahren leicht stabilisiert, in anderen weiter beschleunigt. Die Wechselwirkung zwischen Ozean, Atmosphäre und Eisschild an diesem Ort bleibt Gegenstand intensiver Forschung.

Auf der Karte lässt sich der Ilulissat-Eisfjord und der Verlauf des Sermeq Kujalleq im Kontext der weiteren grönländischen Auslassgletscher erkunden.