Der Gornergletscher: Tiefenporträt eines Alpenriesen
Wer von Zermatt aus auf das Monte-Rosa-Massiv blickt, sieht im unteren Bildfeld ein breites weißes Feld, das sich vom Gebirge herabzieht: den Gornergletscher. Mit einer Länge von rund 14 Kilometern und einer Fläche von etwa 57 Quadratkilometern ist er nach dem Großen Aletschgletscher der zweitgrößte Gletscher der Alpen. Sein Einzugsgebiet umfasst die Hänge mehrerer der höchsten Gipfel der Alpen — darunter die Dufourspitze (4634 m) als höchsten Punkt der Schweiz und Deutschland, den Liskamm, das Breithorn und den Castor.
Der Gorner ist jedoch mehr als ein imposantes Stück Eis. Er ist ein Forschungsobjekt ersten Ranges, ein beliebtes Ziel für Skitourengeher und Alpinisten, Schauplatz spektakulärer Gletscherseentstehung und ein lebendiges Dokument des alpinen Klimawandels. Auf der Karte der weltweiten Gletscher ist seine Lage im Wallis eingebettet zwischen dem Mattertal und dem Monte-Rosa-Massiv gut erkennbar.
Geologie und Entstehung
Der Gornergletscher entstand wie alle Alpengletscher durch die Akkumulation von Schnee in Karbecken und Firnapres über Jahrtausende. Das Einzugsgebiet auf über 3000 Metern Höhe empfängt durch seine Westexposition Feuchtigkeitseinträge von atlantischen Sturmsystemen, die den Gletscher über Jahrzehnte mit Akkumulation versorgt haben. Die Gletscherzunge reichte in kleineizeitlichen Hochständen weit ins Mattertal hinab; die Moränenwälle des 19. Jahrhunderts sind noch heute gut sichtbar und zeigen, wie weit der Gletscher damals reichte.
Der Untergrund des Gornergletschers ist aus dem harten Gneis und Granit des Monte-Rosa-Massivs geformt. Die erodierende Kraft des Eises hat im Laufe der Eiszeiten das charakteristische U-förmige Mattertal ausgeschliffen. Am Zusammenfluss verschiedener Eisströme aus den Nebengletschern — dem Grenzgletscher, dem Zwillingsgletscher und dem Monte-Rosa-Gletscher — entstehen gut sichtbare Medianmoränen, die als dunkle Streifen auf der Eisoberfläche verlaufen.
Der Gorner-Gletschersee (Gornersee)
Eines der faszinierendsten glaziologischen Phänomene im Bereich des Gornergletschers ist der sogenannte Gornersee, auch Grimselsee des Gorner genannt. Dieser See bildet sich alljährlich in der Mulde zwischen dem Gorner- und dem Grenzgletscher, wenn das Schmelzwasser durch das Eis blockiert wird. Im Frühsommer kann er zu einem der größten temporären Gletscherseen der Alpen anwachsen — mit Wassermassen von mehreren Millionen Kubikmetern.
Was ihn besonders macht, ist die Art seiner Entleerung. In manchen Jahren bricht das aufgestaute Wasser plötzlich durch einen subglazialen Tunnel und entleert den See innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen in einer Gletscherläufen (GLOF — Glacial Lake Outburst Flood). Diese Ereignisse sind von Forschenden der ETH Zürich und der Universität Bern seit Jahrzehnten intensiv untersucht worden und haben wesentlich zum Verständnis von subglazialer Hydrologie beigetragen. In anderen Jahren erfolgt die Entleerung allmählich, wenn die Eisdammlinie absinkt.
Aktueller Zustand und Rückzug
Die Messreihen am Gornergletscher zeigen seit den 1950er Jahren eine kontinuierlich negative Massenbilanz. Der Gletscher hat in dieser Zeit mehrere Kilometer Länge verloren und seine Oberfläche hat sich in der Zunge um Dutzende von Metern abgesenkt. In den heißen Sommern der jüngsten Vergangenheit — 2003, 2015, 2022 — waren die Verluste besonders stark ausgeprägt.
Der aktuelle Rückzug der Gletscherzunge zeigt sich für Besucher sehr direkt: Die Wegmarkierungen zu Aussichtspunkten müssen regelmäßig verlegt werden, weil das Eis, das sie einrahmte, zurückgewichen ist. Die Felswände, die früher von Eis bedeckt waren, sind nun mit frischem Geröll bedeckt, das durch den Verlust der Eisstütze instabil geworden ist.
Besuch und Erreichbarkeit
Zermatt ist autofrei und per Bahn aus Täsch oder direkt aus größeren Städten erreichbar. Vom Dorf aus bieten sich mehrere Möglichkeiten, den Gornergletscher zu erleben. Die Gornergratbahn, eine elektrische Zahnradbahn, fährt hinauf zum Gornergrat auf 3089 Metern und bietet einen der eindrucksvollsten Panoramablicke auf den Gletscher und das Monte-Rosa-Massiv.
Für den direkten Kontakt mit dem Gletscher ist eine geführte Tour empfehlenswert. Lokale Bergführer bieten Übergänge zum Monte-Rosa-Stützpunkt oder direkte Begehungen des Gornergletschers an. Der Gletscher ist mit Steigeisen und in Seilschaft begehbar; die Oberfläche zeigt je nach Jahreszeit und Höhenlage blankes Eis, Firnschnee oder schmutzige Ablationszone. Eine Übernachtung in der Monte-Rosa-Hütte des Schweizer Alpen-Clubs, die über dem Gletscher auf 2883 Metern liegt, gibt dem Besuch eine alpine Tiefe, die kein Tagesausflug ersetzen kann.
Wissenschaftliche Bedeutung
Die ETH Zürich und die Universität Bern betreiben am Gornergletscher eines der dichtesten glaziologischen Forschungsnetze der Welt. Neben dem Gletschersee-Monitoring umfasst die Forschung Fließgeschwindigkeitsmessungen, Massenbilanzberechnungen, Studien zur subglazialen Hydrologie und die Dokumentation von Eislawinen am Liskamm. Der Gorner ist damit nicht nur ein touristisches Highlight, sondern auch ein Laboratorium für das Verständnis der Prozesse, die Alpengletscher heute und in Zukunft formen.