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Hängegletscher und ihre Gefahren

Am 13. Juli 1970 brach von der Nordwand des Huascarán in den peruanischen Anden ein riesiger Eisblock ab. Die entstehende Eislawine löste auf ihrem Weg ins Tal Felsmassen mit und verwandelte sich in einen Schuttlawinen-Eislawinen-Strom — eine Katastrophe, die die Stadt Yungay unter sich begrub und schätzungsweise 18.000 Menschen tötete. Es war eine der schlimmsten Naturkatastrophen der Andengeschichte, verursacht von einem Hängegletscher an einer der höchsten Felswände des westlichen Hemisphäre.

Hängegletscher sind Gletscher, die auf steilen Felswänden oder Felsstufen ruhen, oft in kaum begreiflichen Höhen und Winkeln. Sie sind instabil durch ihre Position allein. Mit dem Klimawandel und dem Auftauen des Permafrosts in den Felsuntergründen werden sie noch instabiler — was die Häufigkeit und Intensität von Eislawinenabgängen erhöht.

Was Hängegletscher von anderen Gletschern unterscheidet

Ein normaler Talgletscher liegt auf einem relativ flachen Felsbett und bewegt sich durch sein Gewicht und die Schwerkraft langsam und kontrolliert vorwärts. Ein Hängegletscher dagegen liegt auf einer steilen bis nahezu senkrechten Felsfläche. Er wird nicht durch den Fluss reguliert, sondern durch die Haftreibung zwischen Eis und Fels — also durch Permafrost in den Felsspalten, durch die Adhäsion des Eises an der kalten Felsunterlage und durch mechanische Verklemmung.

Diese Haftung ist temperaturabhängig. Wenn die Temperaturen an der Felswand steigen — durch den allgemeinen Erwärmungstrend oder durch lokale Sonneneinstrahlung —, schmilzt der Permafrost in den Klüften, und die Haftreibung nimmt ab. Der Gletscher wird weniger stabil und kann in seiner Gesamtheit oder in Teilen abbrechen.

Mechanismen des Abbruchs

Der Abbruch eines Hängegletschers kann durch verschiedene Faktoren ausgelöst werden. Erwärmung ist der langfristig wirksamste Faktor: Über Jahrzehnte hinweg nimmt die Adhäsion zwischen Eis und Fels ab, bis der Gletscher nicht mehr gehalten werden kann. Starkregen oder Tauwetter können kurzfristig das Gewicht und den hydraulischen Druck erhöhen. Erdbeben können den letzten Anstoß geben.

Wenn ein Hängegletscher abbricht, beschleunigt die Eismasse auf dem Weg nach unten rasch. Die Luft wird komprimiert und nach vorne gedrückt, was eine Druckwelle erzeugt, die weit vor der eigentlichen Eisfront Schäden anrichten kann. Das Eis fragmentiert beim Aufprall und mischt sich mit Luft zu einer pneumatischen Suspension, die sich mit Geschwindigkeiten von Hunderten von Kilometern pro Stunde fortbewegen kann.

Die Grandes Jorasses und die Glacier du Serre-Chevalier

In den Alpen sind Hängegletscher an mehreren bekannten Bergmassiven dokumentiert. Die Nordwand der Grandes Jorasses im Mont-Blanc-Massiv trägt mehrere kleine Hängegletscher, von denen gelegentlich Eis abbricht. Diese Abbrüche sind aufgrund der abgelegenen Lage und der bekannten Risiken für Bergsteiger weniger katastrophal, aber sie halten Glaziologen und Bergführer in ständiger Aufmerksamkeit.

In den Schweizer Alpen werden die Hängegletscher am Eiger und an der Jungfrau regelmäßig beobachtet. Das Großraummonitoring-System der Schweizer Behörden umfasst seismische Stationen und Kameranetzwerke, die Veränderungen an kritischen Hängegletschern automatisch erfassen.

Kolka-Gletscher: Eine Katastrophe des 21. Jahrhunderts

Im September 2002 brach der Kolka-Gletscher im Karmadon-Tal in Nordossetien (Russland) vollständig ab. Der etwa 100 Millionen Kubikmeter Eis, Fels und Schutt umfassende Strom schoss mit hoher Geschwindigkeit durch das Tal und begrub die Ortschaft Nizhny Karmadon unter Metern von Eissediment-Material. Mehr als 100 Menschen kamen ums Leben, darunter der georgische Filmregisseur Sergei Bodrow junior und sein gesamtes Filmteam.

Die Analyse des Ereignisses zeigte, dass der Kolka-Gletscher durch das Auftauen von Permafrost in seinem Felsbett destabilisiert worden war, wahrscheinlich in Verbindung mit geothermischer Aktivität in der Region.

Vorsorge und Monitoring

Die Vorhersage von Hängegletscherabbrüchen ist ein aktives Forschungsfeld. Methoden umfassen Radarmessungen der Eisdicke und Fließgeschwindigkeit, GPS-Sensoren zur Erfassung von Bewegungsveränderungen, Infrarotkameras zur Erkennung von Temperaturveränderungen an der Eisoberfläche und Laserscanner zur Dokumentation von Volumenveränderungen.

In einigen Gebirgen werden diese Systeme mit Warnsirenen und Sperrgebietsausweisungen verbunden. Das Schweizer Bundesamt für Umwelt koordiniert in Zusammenarbeit mit kantonalen Behörden das Monitoring kritischer Hängegletscher und gibt bei erhöhter Abbruchgefahr Sicherheitsempfehlungen heraus.

Klimawandel und wachsendes Risiko

Das Risiko von Hängegletscherabbrüchen wird in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Wahrscheinlichkeit zunehmen, weil der Permafrost in Hochgebirgen weltweit auftaut. Besonders betroffen sind die Zentralalpen, der Himalaja und die Anden. Regionen, die unterhalb von Hängegletschern liegen — sei es durch Siedlungen, Trekking-Routen oder Infrastruktur —, sollten in Risikoanalysen für Naturgefahren diese Gefahrenquelle explizit berücksichtigen.

Auf der Karte lassen sich die Lagen bekannter Hängegletscher und der Gebirge, in denen sie vorkommen, erkunden.