← Zurück zum Blog

Drumlins und andere klassische glaziale Landformen

Landschaften erzählen Geschichten, wenn man weiß, wie man sie lesen muss. Die sanften Hügelzüge Irlands, die langgestreckten Seen Norddeutschlands, die U-förmigen Täler der Alpen und die buckligen Ebenen Kanadas haben alle dasselbe Kapitel gemeinsam: Sie wurden von Eis geformt, meist von Eisschilden, die längst verschwunden sind. Die Landformen, die Gletscher hinterlassen, sind so charakteristisch, dass Geologen allein aus der Topographie auf Richtung, Ausdehnung und Dynamik vergangener Vereisung schließen können.

Die Wissenschaft, die sich mit diesen Formen befasst, ist die Glazialmorphologie. Ihre Befunde zeigen, dass der Eisrückzug nach der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 bis 12.000 Jahren eine der folgenreichsten Umgestaltungen der Erdoberfläche in der Erdgeschichte war.

Trogtäler: Die Signatur der Talgletscher

Das eindrücklichste Merkmal vergletscherter Gebirge ist das Trogtal — ein Tal mit U-förmigem Querschnitt, hohen, senkrecht abgeschliffenen Wänden und einem flachen Boden. Im Gegensatz dazu sind fluvial entstandene Täler V-förmig, weil fließendes Wasser hauptsächlich in die Tiefe einschneidet. Gletscher erodieren dagegen über die gesamte Breite ihres Bettes, schleifen die Wände ab und hinterlassen das charakteristische U.

Das Lauterbrunnental im Berner Oberland der Schweiz gilt als eines der spektakulärsten Trogtäler Europas. Die senkrechten Felswände steigen auf beiden Seiten nahezu 1.000 Meter über den Talboden auf, und mehrere Wasserfälle — darunter der Staubbachfall und der Trümmelbach — stürzen von den einstigen Schulterflächen des Gletschers hinab. Das Yosemite Valley in Kalifornien ist ein weiteres Paradebeispiel.

Drumlins: Die geheimnisvollen Hügel

Drumlins gehören zu den rätselhaftesten glazialen Landformen. Diese stromlinienförmigen Hügel sind aus Geschiebemergel — einem Gemisch aus Ton, Sand, Kies und Steinen — aufgebaut oder in älteres Material eingeformt. Ihre Längsachse verläuft parallel zur ehemaligen Fließrichtung des Eises; die steile Seite (Stossseite) zeigt in Fließrichtung, die flache Seite (Leeseite) in die entgegengesetzte.

Drumlins treten selten einzeln auf. Typisch sind sogenannte Drumlinfelder mit Hunderten oder Tausenden gleichzeitig gebildeter Hügel. Das Drumlin-Feld im Raum Clew Bay in der Grafschaft Mayo im Westen Irlands ist eines der bekanntesten weltweit — von erhöhten Punkten aus bietet es einen geradezu surreal wirkenden Anblick in Richtung Atlantik. In Norddeutschland, besonders in Mecklenburg-Vorpommern, sind Drumlins ebenfalls gut vertreten.

Die genaue Entstehung von Drumlins ist bis heute nicht abschließend geklärt. Mehrere Modelle konkurrieren: Einige Forscher sehen sie als Ablagerungsformen unter schnell fließendem Eis, andere als Erosionsformen aus älterem Material. Die Hypothese subglazialer Wassersysteme als mitsteuernde Kraft gewinnt zunehmend Unterstützung.

Oser: Schlangenartige Schmelzwasserablagerungen

Oser sind langgestreckte, schmale Rücken aus Kies und Sand, die im Innern eines Gletschers abgelagert wurden — in Schmelzwassertunneln, die unter oder innerhalb des Eises verliefen. Als der Gletscher schmolz, blieb das Material des Tunnels als gewundener Rücken in der Landschaft erhalten.

Typische Oser schlängeln sich über Dutzende Kilometer durch die Landschaft und haben oft nur eine Breite von wenigen Dutzend Metern, aber eine Höhe von bis zu 30 oder 40 Metern. In Schweden und Finnland sind Oser besonders häufig und prägen die Landschaft vieler Seenregionen. Der Eselrücken (Åsrücken) bei Uppsala in Schweden ist historisch als Handels- und Reiseweg genutzt worden, weil er trockenen Untergrund inmitten sumpfiger postglazialer Landschaft bot.

Kames und Kame-Terrassen

Kames sind unregelmäßige, bucklige Hügel aus geschichtetem Kies und Sand, die am Eisrand oder in Hohlräumen innerhalb des schmelzenden Eises abgelagert wurden. Kame-Terrassen entstehen an den Hängen von Trogtälern, wenn Schmelzwasser zwischen dem Gletschereis und der Felswand fließt und dort Material ablagert. Nach dem Gletscherschwund bleibt eine terrassenartige Stufe am Hang zurück.

In den schottischen Highlands sind Kame-Terrassen an vielen Talseiten erkennbar. Sie sind von praktischer Bedeutung: Ihre gut drainierten Kies- und Sandböden wurden historisch für Siedlungen bevorzugt.

Roche moutonnée und Schafberge

Roche moutonnée — deutsch auch als Rundhöcker oder Schafberg bezeichnet — sind Felsformen, die von einem Gletscher überfahren und dabei asymmetrisch geformt wurden. Die Seite, von der das Eis heranrückte, ist durch subglaziale Abrasion (das Schleifen durch eingelagertes Material) glatt und gerundet. Die Leeseite ist dagegen durch Detraktion (das Herausbrechen von Gesteinsstücken, wenn das Eis abstürzt) rau und steil.

Diese asymmetrische Form erlaubt eine zweifelsfreie Rekonstruktion der Eisflussrichtung, auch Jahrtausende nach dem Gletscherschwund. Im Schweizer Mittelland, in der Finnmark Norwegens und in den kanadischen Prärien sind Rundhöcker häufig anzutreffen.

Glaziale Seen und Becken

Viele der tiefsten Seen Europas und Nordamerikas verdanken ihre Existenz glazialer Erosion. Der Comersee in der Lombardei reicht bis auf 425 Meter Tiefe — der Seeboden liegt deutlich unter dem Meeresspiegel. Er wurde von einem mächtigen Talgletscher ausgehoben, der sich während der letzten Eiszeit mehrfach durch das heutige Seegebiet bewegte.

In Skandinavien sind die Grundvoraussetzungen für tiefe glaziale Seen überall erfüllt: hartes Grundgestein, über das sich mächtige Eismassen bewegt haben, und tektonische Gräben, die die Erosion in die Tiefe lenkten. Der Sognefjord in Norwegen — technisch gesehen ein überseeisch getrunkenes Trogtal — erreicht eine Tiefe von über 1.300 Metern.

Auf der interaktiven Karte können Besucher glaziale Landformen weltweit erkunden und nachvollziehen, welche heutigen Landschaften einst unter Kilometern von Eis lagen.