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Gletscherseen: Entstehung, Typen und ökologische Bedeutung

Seen und Gletscher sind eng miteinander verbunden — nicht nur geographisch, sondern auch historisch. Die meisten tiefen Seen der gemäßigten Breiten verdanken ihre Existenz glazialen Prozessen, entweder direkt durch die erosive Kraft eines Gletschers oder indirekt durch die Ablagerungen, die er hinterlassen hat. Gleichzeitig entstehen an aktiven Gletschern fortwährend neue Seen: proglaziale Seen vor der Gletscherzunge, supraglaziale Seen auf der Eisoberfläche, und subglaziale Seen tief unter dem Eis.

Die Vielfalt der glazialen Seetypen spiegelt die Vielfalt der Prozesse wider, die Gletscher auf die Landschaft ausüben. Jeder Typ hat seine eigene Entstehungslogik, seinen eigenen Lebenszyklus und seine eigene ökologische Bedeutung.

Karren- und Karseen

Karseen — in der deutschen Geographie auch als Karseen oder Hochgebirgsseen bezeichnet — entstehen in Karmulden, den wannenförmigen Gebirgseintiefungen, die von kleinen Cirque-Gletschern ausgegraben wurden. Die Gletschererosion hinterlässt eine ausgehobene, von einem Moränenwall umrandete Mulde; nach dem Gletscherschwund füllt sich diese mit Schmelzwasser und Regenwasser.

Karseen sind die häufigste Form glazialer Seen in Hochgebirgen. Die Alpenseen des Berchtesgadener Landes, die Tarns der englischen Cumbrian Mountains im Lake District und die Cirque Lakes der schottischen Highlands sind klassische Beispiele. Der Lac d'Anzeau in den Pyrenäen, die Seen der Silvretta-Gruppe in Vorarlberg und Hunderte von namenlosen Seen im Schweizer Gebirge gehören zu dieser Kategorie.

Proglaziale Seen

Proglaziale Seen entstehen direkt vor der Zunge eines sich zurückziehenden Gletschers, wo der Gletscherrückzug einen Raum öffnet, der sich mit Schmelzwasser füllt. Sie können durch Moränenwälle, durch das Eis selbst oder durch Kombinationen beider gedämmt sein.

Diese Seen wachsen oft rasch, wenn der Gletscher zurückschreitet: Der entstehende Raum wird kontinuierlich größer. Der Tasman Lake am Fuß des Tasman-Gletschers im Aoraki/Mount-Cook-Nationalpark in Neuseeland ist ein gut dokumentiertes Beispiel. Der See existierte in den 1970er Jahren noch nicht; inzwischen ist er mehrere Kilometer lang und empfängt regelmäßig Eisbrocken durch Kalbungen vom Gletscherrand.

Ein besonderer Untertyp sind jökulhlaup-gefährdete Seen, die durch Eisdämme zurückgehalten werden. Diese Seen können sich bei Eisdammversagen plötzlich und katastrophal entleeren — ein Phänomen, das unter dem Namen GLOF (Glacial Lake Outburst Flood) bekannt ist.

Subglaziale Seen

Unter dem Antarktischen Eisschild gibt es mehr als 400 bekannte subglaziale Seen — Gewässer, die vollständig von Eis bedeckt sind und die sich unter dem Überlagerungsdruck des Eises auf einem durch geothermische Wärme oder den Druckschmelzpunkt warmgehaltenen Felsbett gebildet haben. Der Lake Vostok unter der ostantarktischen Hochfläche ist der bekannteste und mit einer Fläche von rund 15.000 Quadratkilometern einer der größten Süßwasserseen der Erde.

Diese Seen sind seit Hunderttausenden oder Millionen von Jahren von der Atmosphäre und der Biosphäre abgeschlossen. Dennoch haben Bohrungen gezeigt, dass sie extremophile Mikroorganismen beherbergen — Lebewesen, die unter Bedingungen gedeihen, unter denen kein anderes bekanntes Leben existiert: totale Dunkelheit, hoher Druck, extreme Kälte, und keinerlei Photosynthese als Grundlage der Nahrungskette.

Glaziofluviale Seen

Glaziofluviale Seen entstehen nicht durch direkte Erosion, sondern durch die Ablagerung von Schmelzwasserablagerungen, die Täler absperren oder Becken schaffen. Kames — bucklige Ablagerungshügel — und Oser können zusammen mit Moränen Becken abschließen, die sich mit Wasser füllen.

In Norddeutschland, Polen und Südskandinavien sind solche Seen besonders häufig, weil die postglazialen Ebenen von komplexen Moränen- und Schmelzwasserablagerungslandschaften geprägt sind. Die Mecklenburgische Seenplatte in Deutschland ist das bekannteste Beispiel: Tausende von Seen, eingebettet in eine Moränenlandschaft, die während des Rückzugs des skandinavischen Eisschildes vor rund 10.000 bis 14.000 Jahren entstand.

Ökologische Bedeutung

Gletscherseen sind besondere Ökosysteme. Ihr Wasser ist typischerweise sehr kalt, arm an Nährstoffen, aber klar und gut mit Sauerstoff versorgt. Diese Bedingungen begünstigen spezialisierte kälteadaptierte Fische wie Saiblinge (Salvelinus alpinus), bestimmte Forellen und in arktischen und subarktischen Regionen endemische Coregonen.

Die Niederschlags- und Schmelzwasserchemie prägt die Wasserzusammensetzung stark: Gletschergespeiste Seen sind oft weich, leicht sauer und kalziumarm. Mit dem Gletscherschwund und der Veränderung der Schmelzwasserzufuhr verändert sich diese Chemie, was direkte Auswirkungen auf die aquatischen Lebensgemeinschaften hat.

Wasserressourcen

Gletscherseen spielen eine wichtige Rolle als Wasserspeicher. In ariden Gebirgsregionen — dem semiariden Andenhochland, dem zentralasiatischen Tian Shan, dem indischen Karakorum-Vorfeld — sind Gletscherseen die einzigen bedeutenden Süßwasserreservoire in der unmittelbaren Umgebung.

Mit dem Rückzug der Gletscher und der damit verbundenen Veränderung der Seen — einige wachsen zunächst, andere schrumpfen oder verschwinden — verändert sich auch die Verfügbarkeit dieser Wasserressourcen. Das Monitoring der Gletscherseen ist daher nicht nur glaziologisch, sondern auch wasserwirtschaftlich und humanitär relevant.

Auf der Karte lässt sich erkunden, wo weltweit die bedeutendsten Gletscherseen liegen und welche Gletscher sie speisen.