Steigeisen und Eisaxt: Technik für die sichere Gletscherbegehung
Wer zum ersten Mal Steigeisen anlegt und eine Eisaxt in die Hand nimmt, betritt eine eigene Welt des Bergsteigens. Diese Ausrüstung ist seit mehr als einem Jahrhundert das Fundament der Gletscherbegehung, und die grundlegenden Techniken haben sich in dieser Zeit kaum verändert — wohl aber das Material und das Verständnis davon, wie man sie sicher und effizient einsetzt. Gute Steigeisen- und Eisaxttechnik kann das Unfallrisiko auf Gletschern erheblich senken; schlechte Technik macht aus einem harmlosen Firnanstieg eine Gefahrensituation.
Dieser Artikel richtet sich an Menschen, die zum ersten Mal auf einem Gletscher unterwegs sein wollen, sowie an jene, die ihre Grundlagen auffrischen möchten. Er ersetzt keinen Bergführerkurs — aber er erklärt, was dort vermittelt wird, und bereitet vor.
Die richtige Wahl von Steigeisen und Eisaxt
Nicht jede Eisaxt und nicht jedes Steigeisen ist für jeden Zweck geeignet. Für die klassische Gletscherbegehung und einfache Schnee- und Firnanstieg bis zu dreißig Grad eignen sich Universalsteigeisen mit zehn oder zwölf Zacken und einem klassischen Gehscharnier (Flexsteigeisen). Für steileres technisches Gelände — Eiswände über vierzig Grad, gefrorene Wasserfall — werden starre Steigeisen mit Frontalen und gebogenen Pickeln benötigt.
Die Eisaxt für Gletscherwanderung und einfache Hochtouren ist eine sogenannte Gehaxt oder Wanderaxt: gerade Stiel, einfacher Pickel, mäßige Länge (typischerweise fünfundfünfzig bis siebzig Zentimeter je nach Körpergröße). Technische Eisäxte mit geknicktem Stiel und Hammerköpfen sind für Sportklettern am Eis gedacht und bei einer normalen Gletschertour fehl am Platz.
Steigeisengehen: Das flache Terrain meistern
Die häufigste Technik auf flachem und mäßig geneigtem Gletschergelände heißt Flachgehen oder Franzosischer Schritt. Dabei wird der Fuß vollständig aufgesetzt, so dass alle Zacken gleichzeitig ins Eis oder den Firn greifen. Das ist stabiler als das instinktive Zehenspitzengehen und schützt vor dem typischen Anfängerfehler: einem Zacken, der zwischen anderen steckenbleibt und zu einem Sturz führt.
Das Gangbild beim Steigeisengehen unterscheidet sich vom normalen Gehen: Die Beine werden etwas weiter auseinander gehalten, um ein Verhaken der Steigeisen ineinander zu vermeiden. Der Oberkörper bleibt aufrecht, die Knie bleiben entspannt. Auf sanft geneigtem Gelände wird die Eisaxt wie ein Wanderstock in der Berghand gehalten — Stiel in der Handfläche, Pickel zeigt nach hinten.
Quergehen am Hang
Beim Quergehen oder Traversieren am Hang wechselt die Technik. Im mäßig steilen Gelände (fünfzehn bis dreißig Grad) wird der Hangfuß mit dem horizontalen Zackenpaar gehalten, der bergseitige Fuß zusätzlich mit den Innenzacken gesichert. Diese Technik heißt Kombinationsgang oder Dreizackenschlag. Die Eisaxt wird auf der Bergseite mit dem Pickel in den Schnee gesetzt — als Stütze und als erste Bremse im Falle eines Ausrutschens.
In steilem Gelände ab dreißig Grad und für Firnhänge, die nicht traversiert sondern direkt bestiegen werden, wird auf Frontalzackentechnik umgestellt: Die beiden vorderen Zacken werden frontal in den Hang gestoßen, der Körper bleibt frontal zur Wand. Dies erfordert gute Wadenkraft und ist für ungeübte Gletscherwanderer auf einem normalen Tourengletscher selten nötig.
Selbstsicherung mit der Eisaxt
Die Selbstsicherung — das kontrollierte Stoppen eines Sturzes mit der Eisaxt — ist eine der wichtigsten Grundtechniken des Gletscherwanderers. Sie heißt Selbsthalten oder Abstoppen und wird in jedem Grundkurs geübt, möglichst auf einem sicheren Schneehang ohne Absturzgefahr.
Die korrekte Haltung beim Abstoppen: Eisaxt mit beiden Händen — eine am Kopf nahe dem Pickel, eine am Stiel nahe dem Spitze — quer über den Körper halten, Pickel in den Schnee drücken, Körpergewicht auf den Pickel verlagern, Beine anwinkeln und Knie nicht ins Eis stoßen lassen. Diese Bewegung muss durch Übung zur Reflex werden, weil im echten Sturz keine Zeit zum Nachdenken bleibt.
Mit Steigeisen in einem Sturz die Beine nicht in den Schnee zu stoßen ist ebenso wichtig: Wenn die Zacken beim Rollen abrupt im Eis greifen, kann dies zu Knochenbrüchen an Knöcheln und Schienbeinen führen.
Sicherung am Seil
Auf offiziellen Gletscherrouten mit Crevassengefahr gehört das Gehen im Seil zur Pflicht. Die Seilschaft von mindestens zwei, besser drei Personen ist die grundlegende Versicherung gegen den Einbruch in eine Schneebrücke. Seilabstand, Seilmanagement und die Technik, einen eingebrochenen Kameraden zu halten, sind eigenständige Themen, die über die Eisaxttechnik hinausgehen und in einem Bergführerkurs vermittelt werden.
Wer geführte Gletschertouren bucht, wird in der Regel vor der Tour in die wichtigsten Grundtechniken eingeführt. Auf der interaktiven Karte lassen sich Gletscher weltweit finden, bei denen lokale Bergführerschulen Einsteigerkurse anbieten.
Ausrüstungspflege und Sicherheit
Steigeisen müssen vor jeder Tour kontrolliert werden: Scharniere auf Leichtgängigkeit prüfen, Krampen auf Schärfe und Verbiegung kontrollieren, Riemen und Schnallen auf Verschleiß prüfen. Stumpfe Zacken erhöhen das Sturzrisiko erheblich. Eine Feile und ein Schleifstein gehören zur Basisausstattung; scharfe Steigeisen haften auf hartem Blaueis deutlich besser als stumpfe.
Die Eisaxt sollte nach Begehung gereinigt, getrocknet und der Pickel auf Schärfe kontrolliert werden. Ein verseifter Pickel greift in kritischen Momenten nicht schnell genug.
Der erste Schritt auf dem Gletscher
Gute Steigeisen- und Eisaxttechnik beginnt nicht im Gelände, sondern im Kopf: mit einer realistischen Einschätzung des eigenen Könnens, der Bereitschaft, von einem Bergführer zu lernen, und dem Verständnis, dass Gletscher lebende, sich verändernde Systeme sind. Das Eis, das heute fest und tragfähig ist, kann morgen Schmelzwasserrinnen und verborgene Hohlräume verbergen. Technik und Urteilsvermögen gemeinsam machen den sicheren Gletscherwanderer.