Kargletscher erklärt: Entstehung, Merkmale und Vorkommen weltweit
In den hochalpinen Bergregionen der Erde finden sich in Felsnischen, hinter Graten und in sogenannten Karmulden kleine, kompakte Gletscher, die sich deutlich von den langen Talgletschern unterscheiden, die gemeinhin als Inbegriff des Gletschers gelten. Diese Kargletscher — englisch: cirque glaciers — sind die numerisch häufigste Gletscherform weltweit. Sie kommen von den Pyrenäen bis zum Patagonia vor, vom norwegischen Fjordgebirge bis zum tibetischen Hochplateau, und ihre Verbreitung sagt viel über die Klimageschichte einer Region aus.
Trotz ihrer oft bescheidenen Größe sind Kargletscher in glaziologischer und geomorphologischer Hinsicht bedeutsam. Sie formen die Berglandschaft in markanter Weise, speichern Süßwasser und reagieren empfindlich auf Klimaveränderungen. Manche alpinen Kare, die heute eisfrei sind, tragen noch den Namen Gletscher, weil Karten aus dem neunzehnten oder frühen zwanzigsten Jahrhundert dort noch Eis zeigten.
Was ist ein Kar?
Das Kar — oder auch Karmulde, Cirque, Kare, Corrie — ist eine halbschalenförmige, in den Fels eingetiefte Hohlform im Hochgebirge. Es entsteht durch Gletschererosion: Wenn sich ein kleiner Gletscher in einer vorhandenen Felssenke festsetzt, erodiert er durch sein Gewicht und durch Frost-Tau-Wechsel den Felsboden. Die Rückwand wird durch Plucking — das Herausreißen von Felsblöcken durch gefrierendes und tauendes Wasser — steil und glatt geschliffen.
Das Ergebnis ist eine typische Landform mit drei Merkmalen: einer steilen, oft senkrechten Rückwand, einem flachen oder leicht muldenförmigen Boden und einem schwellenartigen Rand zum Tal hin. Diese Randerhöhung, der sogenannte Karschwelle oder Riegel, hält nach dem Abschmelzen des Gletschers häufig einen Karsee zurück — jene tiefblauen Bergseen, die zu den schönsten Landschaftsmotiven alpiner Regionen gehören.
Entstehung eines Kargletschers
Die Entstehung eines Kargletschers beginnt mit begünstigten Geländebedingungen: einer Nordexposition (auf der Nordhalbkugel), die wenig direkte Sonneneinstrahlung erhält, ausreichend Schneezufuhr durch Wind und Lawinen aus benachbarten Felsregionen, und einer Geländemulde, in der sich der Schnee ansammeln kann ohne abzurutschen.
Im Laufe von Jahrzehnten verdichtet sich der Schnee zu Firn und schließlich zu echtem Gletschereis. Sobald das Eis eine kritische Dicke erreicht — etwa dreißig bis fünfzig Meter je nach Neigung — beginnt es zu fließen. Kargletscher zeigen dabei eine charakteristische Rotationsbewegung: Das Eis dreht sich leicht um eine horizontale Achse, wobei die untere Seite nach vorne fließt, während die Oberfläche leicht rückwärts geneigt erscheint. Diese rotierende Fließbewegung ist mitverantwortlich für die schüsselartige Vertiefung des Karbeckens.
Morphologische Merkmale und Verwandte Formen
Wenn mehrere Kargletscher an einem Berg entstehen und ihre Rückwände aufeinander zuschmelzen, entstehen scharfe Felsgrate, bekannt als Arêtes. Wo drei oder mehr solche Kare von verschiedenen Seiten in einen Gipfel einschneiden, entsteht ein pyramidenförmiger Felsgipfel — das Matterhorn ist das bekannteste Beispiel. Diese Form heißt Karling oder Horn und ist ein direktes Produkt der Kargletscher-Erosion.
Doppelkare, bei denen zwei Karmulden auf einer Linie hintereinanderliegen, und Hängekare, die über der Talachse in der Felswand hängen, sind weitere morphologische Varianten. Die Brecon Beacons in Wales, die Cairngorms in Schottland, die Pyrenäen, die Rocky Mountains und die Kaukasusregion sind reich an diesen Formen.
Kargletscher als Klimaindikatoren
Wegen ihrer geringen Größe reagieren Kargletscher schneller auf Klimaveränderungen als große Talgletscher. Steigt die Gleichgewichtslinie (Equilibrium Line Altitude) auch nur wenige hundert Meter an, kann ein Kargletscher, dessen gesamte Fläche unterhalb dieser Grenze liegt, innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig verschwinden.
Untersuchungen historischer Fotografien und Karten zeigen, dass in den Alpen, den Pyrenäen und den Skandinavischen Gebirgen zahlreiche Kargletscher, die noch im neunzehnten Jahrhundert aktiv waren, inzwischen zu Firnfeldern oder vollständig zu Karseen geworden sind. Im Glacier-Nationalpark in Montana, USA, hat der Schwund kleiner Kargletscher in den letzten hundert Jahren eine Debatte über die Namensgebung des Parks ausgelöst.
Paläoglaziologische Studien nutzen Karformen umgekehrt als Informationsquelle: Durch die Analyse der Höhenlage von Karmulden und der darin enthaltenen Moränensysteme lässt sich die frühere Ausdehnung von Gletschern und damit das frühere Klima rekonstruieren.
Bekannte Kargletscher der Welt
Der Blue-Glacier im Olympic-Nationalpark in Washington, USA, ist ein gut untersuchter kleiner Kargletscher, an dem das University of Washington seit den 1950er Jahren Massenbilanzstudien durchführt. Der Stein-Gletscher in der Schweizer Westalpe ist ein klassisches Beispiel eines alpinen Kargletschers auf der Nordflanke des Sustengebirges. In den Pyrenäen sind die Gletscher der Maladeta-Gruppe — darunter der Aneto-Gletscher, der längste der Pyrenäen — von einer Reihe kleinerer Kargletschern umgeben.
Auf der interaktiven Karte lassen sich Gletscherstandorte weltweit erkunden, darunter viele klassische Kargletscher in den Hochgebirgsregionen Europas, Asiens und Amerikas.
Praktischer Wert für Bergsteiger
Für Alpinisten sind Kare und Kargletscher vertraute Gelände. Viele der Hochlager auf alpinen Touren liegen im Schutz einer Karrückwand, wo Lawinenrisiko und Wind minimal sind. Die typische Schüsselform eines Kars bietet natürlichen Schutz, und der Firn eines Kargletschers ist oft das erste echte Gletschergelände, auf dem Anfänger Steigeisen und Eisaxttechnik üben.
Kargletscher sind der Einstiegspunkt in die Gletscherwelt: klein genug, um in einem Nachmittag überblickt zu werden, aber komplex genug, um alle wesentlichen Prinzipien der Glaziologie zu demonstrieren. Wer einen Kargletscher versteht, versteht das Grundprinzip, das alle Gletscher dieser Erde — von der Karmulde bis zum Eisschild — miteinander verbindet.