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Gletscher als globale Süßwasserreservoire

Etwa 69 Prozent des gesamten Süßwassers der Erde ist in Eis gebunden — in den großen Eisschilden der Antarktis und Grönlands, in den zahllosen Gletschern der Hochgebirge und im Permafrost der arktischen Regionen. Von diesem gesamten Eisvorrat entfällt ein kleiner, aber für den Menschen entscheidend wichtiger Anteil auf die Berggletscher: jene Eismassen in den Alpen, im Himalaya, in den Anden, im Karakorum, im Tian Shan und in anderen Hochgebirgsregionen, deren Schmelzwasser direkt in Flüsse einfließt, die Städte und Landwirtschaft versorgen.

Der Begriff des Wasserturms beschreibt diese Funktion präzise: Gebirge mit Gletschern speichern Niederschlag als Eis über Winter und Jahrzehnte und geben ihn als Schmelzwasser in der wärmeren Jahreszeit frei — genau dann, wenn in vielen Regionen der natürliche Niederschlag ausbleibt und die Wassernachfrage der Landwirtschaft und Bevölkerung am höchsten ist. Auf der Gletscherkarte lassen sich die wichtigsten Gletschergebiete weltweit und ihre Einzugsgebiete einordnen.

Wie viel Wasser Gletscher liefern

Die absolute Menge des gletschergespeisten Abflusses ist schwer zu generalisieren, weil sie von der Gletscherfläche, dem Klima, der Höhenlage und der Jahreszeit abhängt. Im Indus-Einzugsgebiet stammen nach verschiedenen Schätzungen zwischen 40 und 50 Prozent des Sommerabflusses aus Gletscherschmelze. Im Rhein sind es in Trockensommern rund 12 Prozent des Gesamtabflusses, was absolut gesehen mehreren Milliarden Kubikmeter pro Jahr entspricht. In den peruanischen Anden ist die Abhängigkeit bestimmter Küstenstädte wie Lima von Gletscherschmelze strukturell eingebaut: Der Rio Rimac, der Lima speist, erhält in der Trockenzeit einen wesentlichen Teil seines Abflusses aus andinen Gletschern.

Wichtig ist der saisonale Ausgleichseffekt. In Monsunregionen Hochasiens fällt der Niederschlag überwiegend im Sommer; in den westlich ausgerichteten Systemen wie den Alpen fällt er ganzjährig, mit einem Schneespeicheranteil im Winter. Gletscherschmelze puffert in beiden Fällen extremere Schwankungen ab: In einem extrem trockenen Sommer wie 2022 in Mitteleuropa war die Gletscherschmelze aus den Alpen entscheidend dafür, dass Flüsse wie Rhone und Po überhaupt noch Wasser führten.

Regionale Abhängigkeiten

Im Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Korridor, der als Dritter Pol bezeichnet wird, ist die Abhängigkeit von Gletscherwasser am ausgeprägtesten. Rund 200 Millionen Menschen im Einzugsgebiet des Indus leben in Gebieten, in denen Gletscherschmelze einen signifikanten Anteil am Trinkwasser und an der landwirtschaftlichen Bewässerung hat. Pakistan, das zu den am stärksten gletscherabhängigen Ländern der Welt gehört, hat mit dem Rückzug seiner mehr als 7000 Gletscher im Karakorum eine direkte Bedrohung für seine Lebensmittelproduktion verbunden.

In Zentralasien sind die Flüsse Amu Darya und Syr Darya — die historischen Lebensadern des Aralsees — ebenfalls wesentlich von hochasiatischen Gletschern gespeist. Usbekistan, Kasachstan und Tadschikistan streiten seit Jahrzehnten um die Verteilung des schwindenden Wasservorrats aus diesen Flüssen; der Gletscherschwund im Tian Shan und Pamir verschärft diesen Konflikt strukturell.

In den Anden sind es vor allem Peru, Bolivien und Ecuador, deren Städte und Agrargebiete in hochgelegenen Tälern direkt von Gletscherwasser abhängen. Der Quelccaya-Eisgletscher in Peru, der größte tropische Eisschild der Welt, zieht sich seit den 1970er Jahren mit zunehmendem Tempo zurück. Der Coropuna und der Pastoruri, ebenfalls in Peru, haben in den letzten Jahrzehnten dramatische Massenverluste erlitten. Die Wasserversorgung mehrerer peruanischer Kleinstädte ist bereits heute ohne zuverlässige Gletscherpufferung.

Peak Water und was danach kommt

Das Konzept des Peak Water beschreibt den historischen Wendepunkt, an dem ein schrumpfender Gletscher das Maximum seines Schmelzwasserbeitrags erreicht und danach dauerhaft weniger liefert. Kleine Gletscher, die schnell abschmelzen, haben diesen Punkt bereits überschritten; mittlere und große Gletscher in den Alpen nähern sich ihm. In manchen alpinen Einzugsgebieten ist zu beobachten, dass die Spitzenabflüsse in extremen Trockensommern nicht mehr höher werden, weil die Gletscherfläche schlicht kleiner geworden ist.

Nach dem Erreichen von Peak Water folgt eine strukturelle Verringerung des gletschergespeisten Abflusses. Das hat unmittelbare Konsequenzen für Wasserkraftwerke, die auf stabilen Sommerabflüssen angewiesen sind; für Bewässerungssysteme, die keine Jahreszeit-Pufferfähigkeit mehr haben; und für Ökosysteme, die an kalte, konstante Fließgewässer angepasst sind und nun höhere Temperaturen und variable Durchflüsse erleben.

Anpassungsstrategien

Einige Regionen haben begonnen, die strukturelle Veränderung der Wasserverfügbarkeit in ihre Planung einzubeziehen. Gletschermanagement-Maßnahmen wie das Abdecken von Gletschern mit weißem Vlies, wie sie am Rhonegletscher in der Schweiz seit Jahren praktiziert werden, verlangsamen den Massenverlust lokal, lösen das grundlegende Problem aber nicht. Wichtiger sind systemische Maßnahmen: Bau von Speicherseen in ehemaligen Gletschertälern, Verbesserung der Effizienz der landwirtschaftlichen Bewässerung und die Anpassung der Anbaukulturen an reduziertere Wasserbudgets.

In Island und Norwegen, wo Wasserkraft einen Großteil des Stroms erzeugt, werden langfristige Hydrologiemodelle entwickelt, die die abnehmende Gletscherpufferung in zukünftige Speicherkapazitäten einrechnen. Diese Planungsarbeit zeigt, dass Gesellschaften mit dem Verlust von Gletscherwasser umgehen können — aber nur, wenn sie rechtzeitig handeln.