Gletscherwetter und Routenplanung
Wer auf oder neben einem Gletscher unterwegs ist, bewegt sich in einem Wetterraum, der eigene Regeln hat. Gletscher erzeugen durch ihre Kälte und ihre Ausdehnung lokale atmosphärische Bedingungen, die von den regionalen Wetterprognosen oft nur unzureichend erfasst werden. Ein klarer Morgen kann sich am frühen Nachmittag in eine dichte Bewölkung verwandeln; der Wind auf einem Firnplateau ist kälter und stärker als das Thermometer auf 1000 Metern Höhe vermuten lässt; Gewitter entwickeln sich im Hochgebirge schneller und mit weniger Vorwarnung als im Flachland.
Gute Routenplanung in Gletschergebieten beginnt nicht am Morgen des Tourentages, sondern Tage im Voraus. Die Karte mit den weltweiten Gletscherstandorten ist ein guter Ausgangspunkt, um die geografische Einbettung eines Gletschers zu verstehen — ob er im Regenschatten liegt, von welcher Seite typischerweise Fronten heranziehen und wie weit er von Tiefdruck- oder Hochdruckzentren entfernt liegt.
Gletscherwind: Katabatik und lokale Thermik
Gletscher erzeugen ihre eigenen Winde. Der wichtigste ist der katabatische Wind: Kaltluft, die sich über der gekühlten Eisoberfläche absenkt und hangabwärts fließt. Auf großen Inlandeis-Flächen wie in Grönland und der Antarktis können katabatische Winde Orkanstärke erreichen. Auf Alpengletschern sind sie schwächer, aber dennoch spürbar — besonders in den Abendstunden, wenn der Temperaturgradient zwischen Eisoberfläche und umliegendem Gelände am stärksten ausgeprägt ist.
Thermische Aufwinde entstehen entlang der sonnenexponierten Felsränder eines Gletschers, wo der Fels im Tagesverlauf aufheizt und die Luft emporzieht. Diese Thermik-Aufwinde sind Ursache der häufigen Kumulusbildung über Gletscherrandbereichen am frühen Nachmittag — und damit auch der schnellen Gewitterentwicklung in den Alpen, die an schönen Sommertagen nahezu täglich beobachtet werden kann.
Sichtweite und Weißout
Auf Gletschern kann die Sichtweite innerhalb von Minuten auf nahezu null abfallen. Schneeschauer oder dichte Nebel machen die Orientierung im Gelände extrem schwierig, weil Kontrastpunkte fehlen — ein Phänomen, das als Weißout bezeichnet wird. Im Weißout sind Geländeformen kaum erkennbar; Unebenheiten im Schnee, Spaltenränder und Hänge verlieren ihre visuelle Tiefe. Ohne GPS oder Kompass ist die Navigation unter diesen Bedingungen nahezu unmöglich.
Für Bergsteiger, die auf Gletschern unterwegs sind, gehört das Einplanen eines Rückzugsfensters bei Weißout zu den grundlegenden Planungspflichten. Die Route sollte genug Wegpunkte im GPS enthalten, um auch bei Null-Sicht sicher zurückzufinden. Abstände in der Seilschaft müssen so gewählt werden, dass bei schlechter Sicht der Kontakt zur Seilgefährtin oder zum Seilgefährten nicht verloren geht.
Temperaturinversion und ihre Auswirkungen
Temperaturinversionen — Lagen, in denen die Temperatur mit zunehmender Höhe zunächst ansteigt statt zu sinken — treten im Alpenraum regelmäßig auf und haben für Gletschertouren paradoxe Konsequenzen. Bei einer starken Inversion liegt der Gletscherbereich in einer Kaltluftmasse unterhalb der Inversionsfläche, während die Bergspitzen darüber in warmer, klarer Luft liegen. Dies kann zu dichtem Hochnebel auf dem Gletscher bei strahlend blauem Himmel darüber führen — eine Situation, in der die Bedingungen vor Ort völlig anders sind als die allgemeine Wetterlage vermuten lässt.
In den Wintern mit häufigen Inversionen führt der Effekt auch dazu, dass Kälte und Schnee auf dem Gletscher länger anhalten als in umliegenden tieferen Lagen — ein Aspekt, der bei Frühjahrstouren berücksichtigt werden sollte.
Wetterquellen und Prognosezuverlässigkeit
Für die Alpen existieren mehrere hoch aufgelöste Wettermodelle und -dienste, die für Gletscherregionen besonders nützlich sind. MeteoSwiss betreibt das hochauflösende COSMO-Modell mit einer Gitterweite von einigen Kilometern. Bergwetter.de und Alpenwetter.com bieten bergspezifische Prognosen für alpine Standorte. Für Hochasien und Patagonien sind die Prognosen deutlich unzuverlässiger, weil die meteorologische Beobachtungsdichte in diesen Regionen gering ist und die Modelle von weniger Eingangsdaten gespeist werden.
Die Nullgradgrenze ist ein besonders wichtiger Parameter für Gletscherwanderungen: Sie bestimmt, ob Schnee auf dem Gletscher verharscht und tragfähig ist oder ob er aufgeweicht und gefährlich ist. Im Sommer liegt die Nullgradgrenze in den Alpen oft auf 3500 bis 4000 Metern; bei Kaltlufteinbrüchen kann sie auf unter 2000 Meter sinken und bedeutet dann auf vielen Gletscherstandorten Neuschneezufuhr.
Entscheidung im Feld
Selbst die beste Vorbereitung ersetzt nicht die Fähigkeit, im Gelände Entscheidungen zu treffen. Ein unerwartet schnell aufziehendes Gewitter, eine morgens noch stabile Schneeoberfläche, die sich nach zwei Stunden Sonnenschein in Sulzschnee verwandelt hat, oder ein Nebelfeld, das die letzten Orientierungspunkte verdeckt — solche Situationen erfordern die Bereitschaft, einen Plan zu ändern oder abzubrechen.
Erfahrene Alpinisten halten sich an den Grundsatz, dass kein Gipfel und keine Gletscherüberquerung den Preis eines unnötigen Risikos wert ist. Routen so zu planen, dass Umkehrstellen klar definiert und mit Zeitmarken versehen sind, ist eine der wichtigsten Disziplinen im Gletschergelände. Die besten Wetterlagen für sichere Gletschertouren in den Alpen sind stabile Hochdrucklagen mit Temperaturen deutlich unter dem Gefrierpunkt auf Gletscherniveau — Bedingungen, die im Frühjahr und Frühsommer häufiger auftreten als im Hochsommer.