← Zurück zum Blog

Gletscherrückzug bis 2100: Prognosen und Szenarien

Kein anderes Symptom des Klimawandels ist so sichtbar und so dokumentiert wie das Schrumpfen der Gletscher. Wo früher Eiszungen bis ins Tal reichten, zeigen heute Moränenwälle, wie weit das Eis in den vergangenen Jahrzehnten zurückgewichen ist. Was aber kommt noch? Wissenschaftliche Projektionen versuchen anhand von Klimamodellen und Emissionsszenarien zu berechnen, wie viel Gletschermasse bis zum Ende dieses Jahrhunderts verloren gehen wird. Die Ergebnisse sind ernüchternd — und sie unterscheiden sich je nach dem Pfad, den die Menschheit bei der Reduzierung von Treibhausgasemissionen einschlägt.

Auf der Gletscherkarte lassen sich viele der in dieser Analyse erwähnten Gletscher weltweit lokalisieren und in ihren geografischen Kontext einordnen.

Grundlagen der Projektionsmodelle

Die Basis für alle langfristigen Gletscherprojektionen sind globale Klimamodelle (General Circulation Models, GCMs), die auf verschiedenen Emissionsszenarien basieren. Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) verwendet die sogenannten Representative Concentration Pathways (RCPs) sowie die neueren Shared Socioeconomic Pathways (SSPs). Ein niedriges Szenario — etwa SSP1-2.6 — entspricht einer Welt, in der rasch auf erneuerbare Energien umgestellt wird und die globale Erwärmung unter 2 Grad Celsius gehalten werden kann. Ein hohes Szenario — SSP5-8.5 — entspricht einem ungebremsten Weiterverbrauch fossiler Brennstoffe bis weit ins 21. Jahrhundert.

Auf diese Klimamodelle werden dann Gletschermodelle aufgesetzt, die die Dynamik von Eismassen — Fließen, Schmelzen, Akkumulation — simulieren. Globale Gletschermodelle wie GloGEM (Global Glacier Evolution Model) oder OGGM (Open Global Glacier Model) rechnen mit mehreren hunderttausend einzeln erfassten Gletschern. Trotz enormer Rechenleistung bleiben die Unsicherheiten erheblich, besonders bei kleinen Gletschern, deren genaue Eisdicke oft nicht bekannt ist.

Alpen: Verlust von bis zu 94 Prozent

Im Alpenraum sind die Projektionen besonders dramatisch. Eine umfassende Studie, die 2023 in der Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, ergab, dass die Alpengletscher bis 2100 unter einem hohen Emissionsszenario rund 94 Prozent ihrer aktuellen Eismasse verlieren könnten. Selbst unter dem optimistischsten Szenario, bei dem die Erwärmung auf 1,5 Grad begrenzt wird, wären Verluste von über 65 Prozent unvermeidlich — schlicht weil das Klimasystem träge ist und ein bereits eingeleiteter Erwärmungstrend sich noch Jahrzehnte fortsetzt.

Konkret bedeutet das: Gletscher wie der Pasterze in Österreich, der Mer de Glace in Frankreich oder der Silvrettagletscher in der Schweiz werden in ihrer heutigen Form bis zur Jahrhundertmitte kaum noch existieren. Die größten Alpengletscher — Großer Aletsch, Gorner, Fiescher — könnten als deutlich verkleinerte Restgletscher überleben, wenn die Emissionen stark gesenkt werden, doch ihre Ausdehnung wäre eine Bruchteilfläche des heutigen Zustands.

Hochasien: regional sehr unterschiedlich

Die Gletscher des Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Systems sind die größten außerhalb der Polarregionen und versorgen einige der bevölkerungsreichsten Flusssysteme der Welt: Indus, Ganges, Brahmaputra, Yangtze, Mekong. Die Projektionen für diese Region sind regionalen Schwankungen unterworfen.

Im östlichen Himalaya und im Tian Shan sind die prognostizierten Verluste bis 2100 unter hohen Emissionsszenarien gravierend: Viele kleinere Gletscher könnten vollständig verschwinden. Das Karakorum zeigt eine komplexere Dynamik — Wintertemperaturen dort steigen langsamer als in anderen Hochgebirgsregionen —, doch auch hier ist langfristiger Rückzug unter den meisten Szenarien die wahrscheinlichste Entwicklung. In Tibet und im nördlichen Himalaya würde der Verlust eines erheblichen Anteils der Gletscherfläche die Wasserverfügbarkeit für Millionen von Bauern und Stadtbewohnern fundamental verändern.

Grönland und Antarktis: der Meeresspiegelanteil

Die Eisschilde Grönlands und der Antarktis sind keine Gebirgsgletscher im üblichen Sinne, aber sie bestimmen die globale Meeresspiegelentwicklung. Die Projektionen für Grönland zeigen unter dem hohen Emissionsszenario einen Beitrag zum Meeresspiegelanstieg von einem halben bis zu einem Meter bis 2100 — allein aus diesem Eisschild. Der wesentlich größere antarktische Eisschild ist schwieriger zu modellieren, da die Dynamik der marinen Eisschelfe und die Stabilität von Gletschern wie dem Thwaites-Gletscher in der Westantarktis von sogenannten Kipppunkten abhängen könnten.

Der Thwaites-Gletscher allein enthält genug Eis, um den globalen Meeresspiegel um mehr als 60 Zentimeter anzuheben, wenn er vollständig abschmelzen würde. Aktuelle Forschungsprojekte wie das International Thwaites Glacier Collaboration versuchen zu klären, ob und wie rasch marine Instabilitäten in der Westantarktis irreversible Prozesse auslösen könnten.

Kleingletscher: das unterschätzte Risiko

Bei einer globalen Diskussion über Eis konzentriert sich die Aufmerksamkeit häufig auf die Eisriesen. Doch für den Meeresspiegel und für die regionale Wasserversorgung spielen die weltweit mehr als 200.000 erfassten kleineren Berg- und Talgletscher eine wichtige Rolle. Viele davon sind sogenannte Dünneis-Gletscher, deren gesamte Eismasse unter einem Schwellenwert liegt, ab dem sie unter moderaten Erwärmungsszenarien irreversibel verloren gehen. Projektionen zeigen, dass bis 2100 zwischen 36 und 83 Prozent aller Gletscher weltweit verschwunden sein könnten — je nach Emissionsszenario.

Besonders betroffen sind die Gletscher in Mittelgebirgen wie dem Ural, dem Kaukasus, den Skigebieten der Rocky Mountains und Teilen der Anden. In diesen Regionen sind Gletscher teils bereits so geschrumpft, dass sie selbst unter radikaler Emissionsminderung nicht langfristig überlebensfähig sind.

Was das bedeutet

Die Unsicherheitsbandbreite der Modelle ist real, aber sie sollte nicht als Argument gegen Handeln missverstanden werden. Selbst im günstigsten Fall werden die nächsten Jahrzehnte dramatische Veränderungen bringen. Für Gebirgsregionen bedeutet das: veränderte Abflussregime, veränderte Lawinengefahr durch instabilere Felspartien, die vorher vom Eis gestützt wurden, und das schrittweise Verschwinden von Landschaften, die Kulturen und Ökosysteme über Jahrhunderte geprägt haben.

Die Wissenschaft hat ihre Aufgabe getan. Die Modelle existieren, die Szenarien sind klar beschrieben. Das Ausmaß des künftigen Gletscherschwundes liegt in unserer Hand — und der Unterschied zwischen den Szenarien ist groß genug, um jeden Beitrag zur Emissionsminderung bedeutsam zu machen.