Trailrunning und Fastpacking auf Gletschern
Trailrunning und Fastpacking haben in den vergangenen Jahren auch die Hochgebirgslandschaften mit Gletschern als Terrain entdeckt. Was früher ausschließlich traditionellen Alpinisten vorbehalten schien, ist inzwischen für gut trainierte und erfahrene Läufer und Leichtgepäckreisende zugänglich: lange Übergänge über Firn und Moräne, Querungen an Gletscherrändern entlang, mehrtägige Touren durch vergletscherte Regionen mit kleinem Rucksack und hohem Tempo. Diese Art des Reisens ermöglicht Erlebnisse mit einer Unmittelbarkeit und Intensität, die kaum zu übertreffen ist — verlangt aber auch ein ernstes Commitment an Vorbereitung und Können.
Die Karte der Gletschergebiete hilft dabei, die geografische Lage der hier besprochenen Regionen zu verstehen und eigene Routenideen zu entwickeln.
Was Gletscherumgebungen für Fastpacker besonders macht
Das Terrain rund um Gletscher ist in vielerlei Hinsicht extremer als normales Berggelände. Moränen — die aufgeschütteten Schutthalden an den Rändern und am Ende von Gletschern — sind oft lose und instabil, mit scharfkantigen Felsbrocken, die verdeckte Zwischenräume bergen. Das Gletschereis selbst, wenn es passiert werden muss, erfordert zumindest Grödel oder Steigeisen, je nach Neigung und Oberflächenzustand. Gletscherbäche sind unberechenbar: Am Morgen kaum zu sehen, können sie am Nachmittag nach stundenlanger Sonnenschmelze zu reißenden Abflüssen angewachsen sein.
Gleichzeitig bietet vergletschertes Terrain eine Offenheit und Weite, die auf bewaldeten oder verbuschten Wanderwegen nicht erreichbar ist. Kein Gestrüpp, keine Vegetation, die den Blick verstellt — nur Fels, Eis, Firn und Himmel. Das Vorankommen auf hartgefrorenem Firn oder auf gut geneigten Schneehängen kann mit leichten Spikes unter den Schuhen überraschend effizient sein.
Ausrüstung: leicht, aber sicherheitsrelevant
Wer Gletschergebiete läuft oder schnell durchquert, muss einen anderen Kompromiss als normale Trailläufer eingehen. Das Gewicht bleibt das primäre Ziel, doch bestimmte Sicherheitsausrüstung ist nicht verhandelbar. Dazu gehören leichte Grödel oder kompakte Steigeisen mit Wechselbindung, eine Gletschersonde für Gletscherquerungen, ein Notfallbiwaksack und ein Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS) mit Sonde und Schaufel, wenn die Route durch potenzielle Lawineneinzugsgebiete führt.
Schuhe für Gletschergelände müssen steigeisenfähig oder zumindest spike-kompatibel sein. Wasserabweisende Membranen sind an sich kein Garant für trockene Füße, wenn Schmelzwasserströme überwaten werden müssen, aber sie verzögern das Durchnässen und schützen vor Auskühlung. Gamaschen sind in Schneeregionen fast immer sinnvoll. Die Kleidung muss schnell trocknend und winddicht sein, da auf Gletschern Temperatursturze von vielen Grad innerhalb kurzer Zeit möglich sind.
Routen in den Alpen
Die Alpen bieten mehrere etablierte Ultraläufe und Fastpacking-Linien, die Gletscherpassagen einschließen. Der Ultra-Trail du Mont-Blanc, obwohl primär ein Gebirgsrennen ohne direkte Gletscherquerungen, streift in seinen Varianten und Trainingsrouten immer wieder vergletscherte Bereiche am Rand des Mont-Blanc-Massivs. Ambitioniertere Projekte sind die Querung des Engadins unter Einbeziehung des Morteratsch- und des Tschierva-Gletschers oder mehrtägige Übergänge in den Ötztaler Alpen, wo der Rücken des Weißkamms mit seinen Firnsätteln schnelle Übergänge ermöglicht.
Der Haute Route zwischen Chamonix und Zermatt ist als klassische Skitour bekannt, wird aber von erfahrenen Fastpackern im Spätsommer auch mit leichten Gamaschen und Trailrunning-Schuhen begangen — mit langen Tagen und kleinem Biwak. Die Tour verläuft über mehrere Gletscherpässe, darunter den Col de Vignettes und die Abfahrt auf den Glacier de Pièce.
Patagonien und Neuseeland
In Patagonien gehört die sogenannte W-Trek-Variante im Torres-del-Paine-Nationalpark zu den bekanntesten Wanderrouten der Welt, doch für Fastpacker bietet die Circuit-Variante mit deutlich weniger Besuchern und mehr Ursprünglichkeit einen anderen Charakter. Gletscherränder am Grey-Gletscher und am Französischen Gletscher lassen sich in direkter Begehung erleben. Die Wetterbedingungen in Patagonien sind so variabel, dass Fastpacker mit Zeitpuffern planen müssen: Was als Zwölfstundentag geplant ist, kann durch Sturm und Eis auf zwanzig Stunden ausgedehnt werden.
In Neuseeland bietet der Westküstenstreifen der Südinsel rund um den Mount Cook Nationalpark spektakuläre Fastpacking-Optionen. Der Mueller- und der Hooker-Gletscher sind durch gut angelegte Trails zugänglich; ambitioniertere Übergänge über das Copland-Tal erschließen den Westküstengletscher des Fox-Bereichs.
Sicherheitsmanagement in der Praxis
Geschwindigkeit ist im Gletschergelände kein Allheilmittel. Wer schnell reist, hat weniger Zeit für Beobachtung und Entscheidungen. Gerade Spalten — die unsichtbarste Gefahr auf Firn- und Gletscherflächen — erfordern Konzentration und das Wissen, welche Schneebedingungen Schneebrücken stabil halten. Im Hochsommer ist der Morgen für Gletscherpassagen die sicherste Zeit, bevor die Sonnenstrahlung die Schneebrücken erweicht.
Fastpacker in Gletschergebieten sollten immer einen detaillierten Ausstiegsplan haben, inklusive GPS-Koordinaten für Notfallabstiege, und die Route sowie die erwartete Rückkehrzeit bei einer vertrauenswürdigen Person hinterlassen. Satellitentelefone oder Notfallsender (PLB, Personal Locator Beacon) sind in abgelegenen Gletschergebieten keine Luxusausrüstung, sondern vernünftige Absicherung.
Die Zukunft: weniger Eis, neue Routen
Mit dem fortschreitenden Gletscherschwund werden viele der klassischen Gletscherrouten für Fastpacker schwieriger oder gefährlicher, da stabilisierende Eis- und Schneeflächen durch instabile Moränen und Felsgelände ersetzt werden. Gleichzeitig öffnen sich neue Passagen durch das Freiwerden ehemals vergletscherter Flächen. Routenführer und GPS-Tracks für Gletschergebiete veralten schneller als in anderen Landschaftstypen — ein guter Grund, immer mit der tatsächlichen Situation vor Ort zu rechnen, unabhängig davon, was eine ältere Karte oder ein älterer Bericht beschreibt.