Seracs: Entstehung und Gefahren durch Eislawinen
Der Gletscherbruch am Khumbu-Gletscher unterhalb des Everest Basislagers gilt seit Jahrzehnten als einer der gefährlichsten Abschnitte auf der Normalroute am höchsten Berg der Erde. Auf einem Höhenabschnitt von weniger als einem Kilometer muss jeder Bergsteiger, der den Südsattelweg begeht, durch ein Labyrinth aus instabilen Eisblöcken, klaffenden Spalten und überragenden Seracs navigieren. Die eisigen Türme können ohne jede Vorwarnung kollabieren — zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem Wetter. Diese Realität macht den Begriff des Seracs zu einem der bedeutungsschwangsten Worte im Vokabular des Hochgebirgsalpinismus.
Was sind Seracs?
Der Begriff Serac stammt aus dem Französischen und bezeichnet ursprünglich einen festen Frischkäse aus dem Wallis — die Form des Käses erinnerte Alpinisten des 19. Jahrhunderts an die bizarre Gestalt der Eistürme im Mont-Blanc-Massiv. Wissenschaftlich definiert sind Seracs große, voneinander getrennte oder verbundene Eisblöcke, die an stark geneigten oder konvex gewölbten Gletscherabschnitten entstehen, wo das Eis über Felsbarrieren oder Gefällebrüche fließt.
Das Grundprinzip der Serac-Entstehung liegt in der Inkompressibilität des Eises bei gleichzeitiger Plastizität. Wenn ein Gletscher über eine Geländestufe oder einen steilen Hangabschnitt fließt, kann er dem Untergrund nicht einfach folgen wie eine zähflüssige Flüssigkeit, ohne dabei gerissen zu werden. Die Zugspannungen im Eis übersteigen die Zugfestigkeit des Eiskristallgefüges, und das Eis bricht in Blöcke. Diese Blöcke — die Seracs — bewegen sich weiter hangabwärts, kippen, drehen sich und werden von neuem Eis aus dem Einzugsgebiet nachgeschoben.
Gletscherbrüche als geologisches Phänomen
Ein Gletscherbruch (Eisbruch) ist der Name für den Bereich eines Gletschers, in dem diese intensive Zerklüftung stattfindet. Gletscherbrüche entstehen bevorzugt dort, wo ein Gletscher über eine versteckte Felsrippe oder eine deutliche Geländestufe fließt und sein Längsgefälle abrupt zunimmt. Der Khumbu-Eisbruch ist ein Musterbeispiel: Der Gletscher fließt vom Westcwm, einem relativ flachen Becken auf rund 6.500 Metern, über eine markante Felsbarriere auf das steilere Gelände unterhalb ab. Die resultierende Deformationszone ist mehrere Hundert Meter lang und gespickt mit Seracs unterschiedlicher Größe, von hausgroßen Blöcken bis zu turmartig aufragenden Formationen.
Andere klassische Gletscherbrüche befinden sich am Géant-Gletscher im Mont-Blanc-Massiv, am Trient-Gletscher in der Schweiz, an der Mer de Glace zwischen dem Mont Blanc und dem Argentière sowie an zahlreichen Gletschern im Karakorum, wo der steile Abfall von den Hochplateaus in die Täler ausgeprägte Eisbruchzonen erzeugt.
Mechanismus des Serac-Sturzes
Das Kollabieren eines Seracs ist das Ergebnis einer schleichenden mechanischen Überbelastung, die in einem Moment des plötzlichen Versagens endet. Die Eisbewegung im Gletscherbruch ist kontinuierlich — Gletscher fließen auch dann, wenn kein Schneefall und kein Wind die Oberfläche verändert. Ein Serac, der heute stabil erscheint, hat morgen eine andere Position, eine andere Stützlinie, eine andere Balance.
Die thermischen Bedingungen spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. Im Tagesverlauf erwärmt sich die Oberfläche von Seracs durch direkte Sonneneinstrahlung und Wärmestrahlung von den umgebenden Felswänden. Diese Erwärmung verändert die Eisstruktur an der Oberfläche und kann Risse erweitern oder Haftflächen zwischen Seracs auflösen. Es ist allgemein bekannt — und durch Unfallanalysen bestätigt —, dass Serac-Stürze in den Mittagsstunden und am frühen Nachmittag häufiger auftreten als in den kälteren Morgenstunden. Dennoch ist keine Tageszeit sicher.
Historische Katastrophen
Die Gletscherbruchzone des Huascarán in den peruanischen Anden war zweimal Ausgangspunkt verheerender Katastrophen. 1962 und erneut 1970 lösten Serac-Stürze und Eisstürze Lawinen aus, die zusammen mit Schuttmassen Täler hinabfegten und Tausende Menschenleben forderten. Das Erdbeben von 1970 löste einen Eissturz aus, der auf dem Weg ins Tal Felsmassen aufnahm und die Ortschaft Yungay unter Schutt- und Eismassen begrub. Dies war eine der tödlichsten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts in Südamerika.
Am Manaslu (8.163 m, Nepal) ereignete sich im September 2012 ein großer Serac-Sturz, der eine Lawine auslöste und am Basislager auf einer Route mit vielen aktiven Expeditionen zahlreiche Bergsteiger tötete. Am Annapurna III und am Broad Peak in Pakistan kamen in den vergangenen Jahrzehnten ebenfalls erfahrene Alpinisten durch Serac-Lawinen ums Leben, bei denen die Lawinen Bereiche trafen, die normalerweise als sicherer Lagerplatz galten.
Risikoeinschätzung und Bergsteigersicherheit
Der wichtigste Grundsatz im Umgang mit Serac-Gelände lautet: die Exposition minimieren und die Transitzeit durch gefährliche Zonen so kurz wie möglich halten. In der Praxis bedeutet dies frühe Aufbruchzeiten — häufig zwischen Mitternacht und drei Uhr morgens — damit kritische Abschnitte in der Kälte der Nacht passiert werden können. Am Khumbu-Eisbruch starteten Expeditionsteams traditionell kurz nach Mitternacht, um das gefährlichste Gelände vor Tagesanbruch hinter sich zu bringen.
Moderne Serac-Risikoabschätzung nutzt zunehmend Satellitendaten und terrestrisches Laserscanning, um die Bewegungsgeschwindigkeit von Seracs zu messen und Veränderungen in der Blockgeometrie frühzeitig zu erkennen. Das International Centre for Integrated Mountain Development (ICIMOD) in Kathmandu verfolgt Eisbruchzonen am Himalaya regelmäßig mit Fernerkundungsmethoden. Dennoch bleibt die Vorhersage einzelner Serac-Stürze praktisch unmöglich — die physikalischen Prozesse, die zum Versagen führen, spielen sich im Inneren des Eises ab und sind von außen nicht direkt beobachtbar.
Seracs und Gletscherwandel
Mit dem Klimawandel verändern sich auch die Dynamiken in Gletscherbruchzonen. Dünneres Eis reagiert empfindlicher auf thermische Veränderungen und kann instabiler werden. Gleichzeitig können Gletscher, die an Volumen verlieren, über bestimmte Geländestufen nicht mehr in der kritischen Mächtigkeit fließen, sodass Eisbruchzonen schrumpfen oder verlagert werden. Am Khumbu-Gletscher beobachten Glaziologen, dass der Gletscherbruch sich über die Jahrzehnte verändert hat — die Bewegungsgeschwindigkeit schwankt, und die Geometrie der Seracfelder ist heute eine andere als in den 1950er Jahren, als die Route erstmals begangen wurde.
Für alle, die sich selbst ein Bild von den gefährlichsten und schönsten Gletscherlandschaften der Erde machen möchten, bietet die Gletscherkarte eine umfassende Übersicht über bekannte Gletscherbruchgebiete und Hochgebirgsrouten weltweit.