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Spaltenbergungstechniken: Was jeder Bergsteiger wissen muss

Der Einbruch in eine Gletscherspalte gehört zu den alpinen Notfallszenarien, auf die man sich theoretisch und praktisch vorbereiten muss, bevor man vergletschertes Gelände betritt. Schneebrücken — die dünnen, oft unsichtbaren Schneedecken, die Gletscherspalten überspannen — können ohne Vorwarnung nachgeben. Ein voll gesicherter Bergsteiger am Seil überlebt einen solchen Einbruch in den meisten Fällen unbeschädigt; ein Ungesicherter oder schlecht ausgerüsteter Bergsteiger riskiert sein Leben. Die folgenden Techniken sind das Grundwissen jeder ernst gemeinten Gletscherausbildung.

Keine Lektüre ersetzt die Praxis: Spaltenbergungstechniken müssen auf einer sicheren Übungsfläche — einem Schneefeld, einem Parkplatz mit Seilen und Sandsäcken — so oft geübt werden, bis sie unter Stress funktionieren. Ein Kurs bei einer Bergsteigerschule oder einem Bergführer ist der sicherste Einstieg.

Warum das Seil unverzichtbar ist

Auf einem Gletscher mit Spaltengefahr am Seil zu gehen ist keine Option, sondern Pflicht. Das Seil hält den eingebrochenen Bergsteiger im Schacht, verhindert weiteres Fallen und gibt dem Kameraden Zeit, die Bergung einzuleiten. Der Standardabstand in einer Dreierseislschaft auf vergletschertem Gelände beträgt acht bis fünfzehn Meter, so dass der Haltende genug Seilreserve hat, ohne selbst in die Spalte zu rutschen.

Beim Einbruch gilt: Der eingebrochene Bergsteiger versucht sofort, mit ausgebreiteten Armen — quer zu den Spaltenrändern — das Weiterfallen zu bremsen. Schreien ist sinnvoll, um die Kameraden zu alarmieren. Der sichernde Kameradam geht sofort in die Sicherungsposition — wirft sich mit dem Eisaxtpickel in den Schnee, verlagert das Gewicht auf die Axt und stabilisiert sich mit den Steigeisen im Schnee.

Selbstrettung aus der Spalte

Wenn die Umstände es erlauben — der Bergsteiger ist unverletzt, kann die Hände benutzen, und das Seil läuft direkt nach oben — ist Selbstrettung die schnellste Lösung. Prusikschlingen aus reißfestem Schnur (empfohlen: 5-6 mm Prusikschnur auf einem 8-11 mm Seil) werden auf das Seil gebracht: eine für den Fuß, eine für den Brustgurt. Durch abwechselndes Hochschieben der Prusikschlingen und Aufstehen in der Fußschlinge arbeitet sich der Eingebrochene Zentimeter für Zentimeter nach oben.

Voraussetzung für funktionierende Prusikrettung: geübte Handgriffe, ausreichend Kraft in Armen und Beinen, und das Wissen, dass der Spaltenrand beim Ausstieg überwunden werden muss — was oft die schwierigste Stelle ist. Schneekrusten am Rand der Spalte können nachgeben; eine zweite Person, die von oben Unterstützung gibt, macht den Ausstieg deutlich einfacher.

Bergung durch die Kameraden: Das Flaschenzugsystem

Wenn der eingebrochene Bergsteiger sich nicht selbst retten kann — durch Verletzung, Bewusstlosigkeit, Erschöpfung oder überhängende Spaltenwände — muss die Seilschaft ihn von außen bergen. Das klassische Bergungssystem ist ein Flaschenzug, der im Alpinismus als Z-Zug oder C-Zug bezeichnet wird.

Der Z-Zug verdreifacht die Zugkraft und ermöglicht einer einzelnen Person, das Gewicht eines Erwachsenen mit Ausrüstung (achtzig bis hundert Kilogramm) nach oben zu ziehen. Aufbau des Z-Zugs: Eine Prusikschlinge als Lastsicherung wird ans Seil geklemmt und an einem Eisschraubenanker befestigt. Das Zugseil wird über eine Umlenkrolle (oder Karabiner) an der Lastsicherungsprusik zurückgeführt, dann über eine zweite Rolle am Anker. Das gesamte System muss verankert werden, bevor die Haltekraft des sichernden Bergsteigers freigegeben werden kann.

Dieser Aufbau klingt komplex und ist es auch — deswegen muss er geübt werden. Für eine sichere Anwendung unter Stressbedingungen sollte jedes Seilschaftsmitglied das System blind aufbauen können.

Ausrüstung für die Spaltenbergung

Zur Mindestausrüstung einer Gletscherseilschaft gehören: Zwei bis drei Prusikschlingen aus sechs Millimeter Reißfestschnur; drei bis vier HMS-Karabiner und Schraubenkarabiner; eine oder zwei Umlenkrollen; Eisschrauben als Anker; ein kurzes Reepschnurstück für Sicherungsknoten. Diese Ausrüstung wiegt wenig und passt in einen kleinen Beutel im Rucksack.

Ohne diese Ausrüstung ist eine Spaltenbergung erheblich schwieriger und in manchen Situationen unmöglich. Gürtelflaschenzugsysteme, die mehrere der oben genannten Elemente in einem kompakten Gerät vereinen, sind kommerziell erhältlich und für Gelegenheitsalpinisten praktikabler als selbst zusammengestellte Systemkomponenten.

Erste Hilfe nach der Bergung

Nach der Bergung aus einer Spalte ist die erste Priorität Traumaassessment und Hypothermieprophylaxe. Spaltenengen können kalt und feucht sein; auch ein kurzer Aufenthalt kann den Körperkern erheblich auskühlen. Der gerettete Bergsteiger sollte sofort in Wärme — Rettungsfolie, trockene Kleidung — gebracht werden. Auf Verletzungen durch den Einbruch oder durch die Bergungsmittel kontrollieren.

Abstieg und medizinische Versorgung haben Vorrang vor der Fortsetzung der Tour. Die Entscheidung, nach einem Spalteneinbruch weiterzugehen, sollte nur getroffen werden, wenn alle Beteiligten unverletzt und die Bedingungen sicher sind.

Auf der interaktiven Karte lassen sich Gletscher weltweit erkunden. Wer einen Gletscher besuchen möchte, findet dort Orientierung über Standorte — und sollte anschließend einen Bergführerkurs besuchen, bevor das erste Eis betreten wird.

Die beste Bergungstechnik ist Prävention

Alle Bergungstechniken der Welt treten in den Hintergrund hinter einer Tatsache: Die beste Spaltenbergung ist die, die nie gebraucht wird. Sichere Routenwahl, richtiger Seilabstand, Kenntnisse der Schneebedingungen (morgens gefrorene Schneebrücken sind tragfähiger als nachmittagsweiche), konservatives Tempo in unbekanntem Terrain und ein erfahrener Bergführer an der Spitze sind die wirkungsvollsten Schutzmaßnahmen. Spaltenbergungstechnik ist unverzichtbares Wissen — aber das Ziel ist immer, sie nie anwenden zu müssen.