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Der Biafo-Gletscher: Tiefblick auf ein karakorisches Eiswunder

Wer den Karakorum als Gebirge beschreiben will, braucht Superlative. Hier befinden sich mehr Achttausender als irgendwo sonst auf der Erde. Hier ist das Gletschersystem außerhalb der Polargebiete am dichtesten und mächtigsten. Und hier, im Herzen des nördlichen Pakistan, liegt der Biafo-Gletscher — einer jener Riesen, die nicht durch ihre Berühmtheit bekannt sind, sondern durch ihre schiere Dimension und Abgeschiedenheit.

Der Biafo ist etwa siebenundsechzig Kilometer lang und bildet gemeinsam mit dem Hispar-Gletscher über den Hispar-Pass hinweg ein verbundenes Eissystem von zusammen über hundertfünfzig Kilometern — das längste Gletschersystem außerhalb der Polargebiete. Diese Route, bekannt als Snow Lake und Hispar La Traverse, ist eine der klassischen Hochgebirgstraversierungen der Welt und ein Ziel für erfahrene Bergsteiger und Trekker aus aller Welt.

Geografie und Zugang

Der Biafo beginnt im Westen in der Nähe des Bergsteigerdorfs Askole im Baltistan-Distrikt der Gilgit-Baltistan-Region Pakistans. Askole ist für die meisten Expeditionen in den zentralen Karakorum der letzte Ort mit Infrastruktur — hier beginnen auch die Zustiegsmärsche zu K2, Broad Peak und den Gasherbrums. Vom Biafo-Beginn führt die Route ostwärts ins Gebirge, mit dem Ziel Snow Lake — einem großen Firnkessel auf etwa fünftausend Metern Höhe, umgeben von vergletscherten Viertausend- und Fünftausendmeter-Gipfeln.

Der Zugang nach Askole erfolgt über den Karakorum Highway und eine ungepflasterte Bergstraße von Skardu aus — je nach Straßenzustand ein mehrstündiges Abenteuer. Von Islamabad aus ist Skardu per Flug in einer Stunde oder per Straße in etwa zwanzig Stunden erreichbar. Wegen der politischen Sensibilität der Region nahe der Grenzen zu Indien und China ist ein reguläres Trekking- oder Expeditionspermit erforderlich.

Snow Lake: Ein Eiskessel auf Hochniveau

Das Kernstück des Biafo-Erlebnisses ist das sogenannte Snow Lake, das korrekte glaziologische Bezeichnung Lukpe Lawo lautet. Es handelt sich um ein riesiges Firnbecken auf über vier- bis fünftausend Metern Höhe, das von mehreren Gletscherarmen gespeist wird. Der britische Forschungsreisende Martin Conway kartierte die Region 1892 und prägte den Namen Snow Lake — er beschrieb das Becken als eine der einsamsten und überwältigendsten Landschaften, die er je gesehen hatte.

Aus glaziologischer Sicht ist Snow Lake eine außergewöhnlich aktive Akkumulationszone. Die jährlichen Schneemengen sind enorm, die umgebenden Gipfel werfen Lawinen und Eislawinen auf das Becken, und das gesamte Eis fließt schließlich gebündelt über den Biafo-Gletscher talwärts nach Westen. Wer das Becken betritt, steht buchstäblich auf dem Quellgebiet einer der mächtigsten glazialen Wasserressourcen Südasiens.

Gletscherdynamik und Fließbewegung

Der Biafo ist ein sogenannter Valley Glacier — ein Talgletscher, der ein tektonisch vorgeformtes Tal nutzt und beidseitig von steilem Felsgelände eingerahmt wird. Lateral- und Medialmoränen — Schuttbänder aus herabtransportiertem Gestein — durchziehen die Gletscheroberfläche und geben dem Biafo sein charakteristisches Aussehen aus der Vogelschau: dunkle Schuttbänder auf weißem oder grauem Eis.

Die Fließgeschwindigkeit variiert je nach Bereich. Im oberen Akkumulationsgebiet bei Snow Lake ist die Bewegung langsam; im mittleren Bereich, wo der Gletscher sich durch das engere Tal zwängt, beschleunigt er sich. Crevassensysteme, insbesondere an den Rändern und an Stellen, wo das Tal breiter wird und das Eis auseinanderfließt, machen Navigation ohne lokalen Guide riskant. Erfahrene Hochgebirgsführer aus Baltistan kennen die sicheren Routen durch die Crevassenzonen.

Ökologie und Wasserverfügbarkeit

Der Biafo-Gletscher ist Teil des Indus-Einzugsgebiets und trägt zur Wasserversorgung für Hunderte Millionen Menschen in Pakistan, Indien und China bei. Die Gletscher des Karakorum unterscheiden sich dabei von anderen Regionen: Während in den meisten Gebirgssystemen der Welt Gletscher schrumpfen, zeigen manche Karakorum-Gletscher eine komplexere Dynamik mit phasenweisem Wachstum bestimmter Abschnitte bei gleichzeitigem Rückzug anderer. Dieses Phänomen ist als Karakorum-Anomalie bekannt und Gegenstand aktiver wissenschaftlicher Debatte.

Für die lokale Bevölkerung in Baltistan sind Gletscher mehr als Naturphänomene — sie sind die Wasserreservoirs, von denen die Bewässerungslandwirtschaft in einem der trockensten Hochgebirge der Welt abhängt. Der Rückzug der Gletscherzungen verändert die zeitliche Verteilung von Schmelzwasser und damit die Verfügbarkeit in kritischen landwirtschaftlichen Phasen.

Die Biafo-Hispar-Traversierung

Die Querung des Biafo und Hispar über den Hispar La-Pass auf etwa fünftausendfünfhundert Metern ist eine der großen Klassiker des Hochgebirgstrekkings. Die Route dauert je nach Tempo und Wetterbedingungen zwischen zwölf und zwanzig Tagen von Askole bis Nagar. Sie verläuft durch eine Einsamkeit, die selbst nach heutigen Maßstäben absolut ist: keine Dörfer, keine Straßen, kein Mobilfunknetz. Notevakuierungen sind nur per Helikopter von der Militärbasis in Skardu möglich.

Alle größeren Gletscher des Karakorum sowie die Trekkingrouten durch diese Region sind auf der interaktiven Karte verzeichnet — ein unverzichtbares Werkzeug für die erste Orientierung vor einer Expedition.

Ein Gletscher für die Zukunft

Der Biafo ist kein Gletscher für Touristen mit wenig Zeit. Er ist ein Gletscher für jene, die bereit sind, mehrere Wochen in extremer Abgeschiedenheit zu verbringen, eine anspruchsvolle körperliche und logistische Herausforderung zu meistern und dafür eine Gletscherlandschaft zu erleben, die in ihrer Schönheit und Wildheit kaum überbietbar ist. Wer den Biafo geht, kehrt als jemand anderer zurück — der Karakorum verändert die Perspektive auf das, was Gebirge und Gletscher bedeuten können.